Wenn Du ein Tier wärst, welches wäre das?

Diese Frage wurde mir neulich gestellt. Und während ich noch über die Antwort nachdachte, fiel mir ein Buch ein, dass ich vor einigen Jahren mal gelesen habe „Leitwölfe sein.“ Eigentlich ein Erziehungsbuch … ich glaube aber dass ich in diesem Buch mehr über Leadership gelernt habe, als in manch anderem Ratgeber.

Jetzt Du! Welches Tier wärst Du gerne? Und warum?

 

Ich glaube, dass meine Erfahrung als Führungskraft mir bei der Erziehung meiner Kinder geholfen hat und immer noch hilft. Immer häufiger erlebe ich aber, dass ich durch die Erziehung meiner Kinder viele wertvolle Impulse über Führung lerne.

Ich bin gerade über ein Erziehungsbuch gestolpert, dass ich vor einigen Jahren gelesen habe und das mir in Erinnerung geblieben ist: Es heißt „Leitwölfe sein“ und handelt vonFührung innerhalb der Familie. Es ist von Jesper Juul. Er betrachtet anhand der Analogie aus dem Tierreich das Führungsparadigma moderner Familien.

Bei den Wölfen ist die Führungskultur keinesfalls hierarchisch. Sie ist durch eine gute Abgrenzung wohl am besten als kollaborativ zu bezeichnen. Bei Pferden gibt es statische Rollen: Den Leithengst, der die Herde von hinten führt und falls nötig Angreifer abwehrt und die Alphastute, die voranläuft und der die Herde folgt. Bei Wölfenfunktioniert das ähnlich aber doch etwas anders: Wölfe agieren nach Werten wie Vertrauen, Integrität und Zusammenhalt. Im Wolfsrudel ist Vertrauen ist wichtiger als der Rang. Der Kontext entscheidet dynamisch, welche Wölfin oder welcher Wolf Leitwolf ist und die Führung übernimmt.

Ist das ein Erfolgsmodell für moderne Familien? Und wo liegt genau der Unterschied zwischen modernen Familien und modernen Unternehmen oder Purpose Organisationen?

Ein zentrales Motiv vieler Eltern ist laut Juul, dass sie ihren Kindern teilweise um jeden Preis ermöglichen wollen glücklich zu sein. Häufig möchten sie für ihre Kinder, was sie selbst oftmals nicht haben: Freie und kreative Entfaltung. Auf dem Weg dahin wollen sie aber gleichzeitig auch Kinder, die artig sind, sich wohlerzogen verhalten, die in der Schule mitkommen – kurzum: Kinder die funktionieren.

An dieser Stelle bin ich erst ins Grübeln, dann ins Stocken gekommen. Das ist doch ein Widerspruch. Anpassung hemmt doch Freiheit, oder etwa nicht? Und Freiheit ohne Grenzen ist Anarchie. Und die steht im Widerspruch zum Leitbild der funktionierenden Familie. Ein Dilemma, was darauf hinausläuft, dass ich die Freiheit der Menschen einschränken muss, die ich doch so liebe. Das kommt mir ehrlich gesagt doch sehr vertraut vor.

Ein wichtiges Wort für die Lösung dieses Dilemmas ist die „Gleichwürdigkeit“ innerhalb der Familie. Dieses Wort musste in einigen Sprachen erst erfunden werden, um es vom Begriff der Gleichheit abzugrenzen.

Natürlich kann ein Kind in vielen Dingen noch nicht selbst entscheiden. Es gibt eine Machtstellung, die existenziell wichtig ist und unseren Kindern Halt gibt. Die Beziehung von Eltern zu Kindern ist aber dennoch keinesfalls gleich. Aber sie kann trotzdem stattfinden, ohne Kindern die Würde zu nehmen. Warum darf man nicht auf dem Sofa hüpfen? Warum darf man nicht laut sein? Und warum darf man beim Abendbrot nicht aufstehen, wenn man satt ist?

Geht es um Prinzipien? Geht es um Grenzen? Geht es darum, dass wir Regeln kopieren, die wir selbst erlebt haben, als wir klein waren? Oder geht es vielleicht sogar um Macht? Oder ist das schlicht eine Gewohnheit oder ein Muster, in das wir verfallen, wenn wir müde und erschöpft sind und die Kontrolle nicht aufgeben wollen oder können. Und ehe wir uns versehen, tuen wir es einfach und werden selbstgerecht.

Aber eigentlich geht es doch nur darum den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, sie als heranwachsende Individuen zu betrachten und sie nicht von oben herab zu behandeln. Auch wenn oder vielleicht gerade weil wir das Sagen haben.

Sein eigenes genuines Vokabular zu verknappen oder gar in Babysprache zu reden, vielleicht sogar noch seine Stimmlage nach oben anzupassen, sind Anzeichen dafür, dass man nicht auf Augenhöhe spricht. Für jeden Scheiss zu loben, entwertet Lob. Sinnlose oder nicht erklärbare Regeln einzufordern, zu erwarten, dass sie funktionieren oder mehr oder weniger sinnvolle Machtkämpfe auszutragen kann unserem Nachwuchs ein Stück seiner Würde nehmen.

Ich glaube, Kinder sind schlaue Menschen, die nur vieles einfach noch nicht wissen oder können. Aber Kinder können schneller lernen, als wir Erwachsenen. Sie sind unstrategisch, ehrlich, loyal und tragen Fehler nicht nach. Sie sind neugierig, wissensdurstig und begeisterungsfähig. Sie sind kreativ, genügsam und können in Ihrer Phantasie Schlösser erbauen. Egal ob mit einem Eimer Sand oder einem Blatt Papier.

Ich glaube, es ist falsch sie nicht als gleichwürdig zu anzusehen. Kinder sind resistent gegen unsere Fehler und lieben uns uneingeschränkt. Wir sind ihre Vorbilder. Es ist völlig OK, wenn auch wir als Eltern nicht alles wissen und uns trauen dazu lernen. Ich persönlich finde es super cool authentisch zu sein und nicht immer alles zu wissen.

Aus dieser Gleichwürdigkeit erwächst im besten Falle eine liebevolle Autorität, die aufhört Kinder zu verhätscheln, wie Juul das nennt. Die Familie ist ein Rudel, in dem jeder eine Rolle spielt. Das Rudel braucht eine eindeutige Führung auf Basis von Werten wie Integrität, Authentizität, Achtsamkeit, Empathie und Vertrauen. Wie bei den Wölfen. 

Leitwölfe sein bedeutet respekt- und liebevoll zu führen. Meine Antwort auf die Frage, ob das ein Erfolgsmodell für moderne Familien ist, beantworte ich für mich mit Ja. Und um meine zweite Frage zu beantworten: Ich glaube, dass es zentrale Unterschiede zwischen einer Familie und Unternehmen gibt. Beim dem auf Werten basierten Führungsprinzip der Gleichwürdigkeit sehe ich viele Analogien, die ich als Führungskraft übertragen kann.

 

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